Rose-Theegarten Ensemble // Augen zu und durch // Darf man Menschen töten und wenn ja, warum?

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March 8, 2013 by Julia Ariane Reiter

Der Regen, der an diesem warmen Vorfrühlingsabend auf das Dach des Kölner Orangerie-Theaters prasselt, rundet das Bühnenbild akustisch ab. Ein rosafarbenes Zelt, nicht unbedingt so high-end, wie die tragbaren Behausungen, in denen man dieser Tage urlaubt, steht auf der Bühne. Eine sonnenbebrillte Frau (Claudia Holzapfel) in Shorts kommt herein, begutachtet die Szenerie und macht sich ans Werk. Mit mäßigem Erfolg beginnt sie, ein weiteres Zelt zu errichten. Ja, wie ging das nochmal mit diesem fiesen Gestänge? Eine weitere Frau (Talke Blaser) kommt hinzu geschlendert. Geblümte Haremshosen, Sandalen und ein buntes Kopftuch lassen erahnen, dass der letzte Besuch in Indien oder beim Burg Herzberg Festival nicht allzulange zurückliegt. Stilecht nächtigt sie nicht im Zelt, sondern unter bunten, mit Schnüren gespannten Baumwolltüchern. Sie soll nicht das letzte Klischee sein, dass diesen Campingplatz betritt. Der langhaarige Vegetarier (Janosch Roloff) im 68er Gedenkparka, der Menschen töten gar nicht soo schlecht findet, ist auch mit von der Partie. Neben ihm nächtigt der Typ (Adrian Ils), der sich wegen seines lauten Schnarchens nicht viele Freunde im Camp machen wird. Last but not least ist da noch der antisoziale Proficamper (Charles Ripley) samt kahkifarbenem Wurfzelt und Anglerhütchen. Sommerlageridylle mit einer Prise Streit und Spanischvokabeln. Eine Blondine (Bettina Muckenhaupt) im goldenen Fummel nähert sich dem Lager. Sie möchte sich irgendwo hinsetzten und auch gerne eine Kleinigkeit essen. Schnell tuen sich Abgründe auf. Freie Flächen auf der Wiese werden nach deutscher Sitte mit Tüchern reserviert und Essen ist zwar vorhanden, wird aber nicht geteilt oder getauscht. Nachts, während alle schlafen, liest sie dann in einem schlecht übersetzten Pamphlet, dass sich unter dem Campingplatz ein Massengrab befindet. Und in dem Lagerfeuerlied Guantanamera geht es auch eigentlich nur um eine Frau aus Guantanamo. So fröhlich kann das ja nicht sein… Dann: eine Erschießung, so wie es sie im Spanien Francos oft gegeben haben muss. Vier knienden Menschen wird von hinten in den Kopf geschossen. Man lässt sie wie Müll verrotten.

Dunkelheit. Janosch Roloff wendet sich ans Publikum. Eigentlich ist das Stück zu Ende. Er ist mit der Inszenierung aber unzufrieden. Er möchte die Figuren diskutieren. Und er glaubt, dass dem Publikum viele Metaphern gar nicht aufgefallen sind. Das Fliegenklatschen, das einmal zu hören war, sollte zum Beispiel Drohnen symbolisieren. Und die hält Ripley für eine richtig gute Erfindung. Geringe Kollateralschäden, irgedwie nachhaltig und – hätte es sie schon eher gegeben, wäre das Hitlerattentat vielleicht gelungen. Der friedliebende Roloff beschließt alternativ, Hitlers Mutter Klara zu schwängern um einen eigenen guten Hitler zu produzieren. Gesagt getan. Er reist in 1880er Jahre und probiert, Klara (Talke Blaser) zu verführen, die ihm aber einen richtigen Mann vorzieht. 1891. Roloff beschließt, den zweijährigen Hitler zu erschießen. Er kann es nicht. Er zeigt den ZuschauerInnen ein Foto von Hitler aus dieser Zeit. Könnten Sie…?

Klamaukig geht es weiter im Text. Mai 2011. Die Köpfe von Ils und Ripley ragen gallonsfigurengleich aus den Zelten. Sie singen zur Melodie von Manamana aus der Sesamstraße “Abbottabad, habibi bibi”. Operation Neptune’s Spear. Gleich wird Obama, ääh Osama bin Laden (Janosch Roloff) in seinem Haus erschossen. Es klopft. Der bewaffnete Osama bin Laden öffnet. US Army: “Geladen?” “Nein, Bin Laden!” Die Szene muss noch ein paar Mal wiederholt werden. Eigentlich sollte bin Laden ja nur festgenommen und nicht erschossen werden.

Nach einem Ausflug zu Ernesto Guevara de la Serna stellt Talke Blaser schließlich die Gretchenfrage. Gemeinsam mit dem Publikum diskutiert sie das Trolley-Problem. Töten? Ja, wenn es Schicksal ist. Aber absichtig? Und wie sieht mit Grenzsituationen, wie dem Mord an dem Schiffsjungen Richard Parker aus, der auf hoher See von seinen hungernden Crewmitgliedern verspeist wurde?
Der unterhaltsame und schauspielerisch auf ganzer Linie gelungene Abend endet schließlich mit dem Kinderlied Auf einem Baum ein Kuckuck.

Und als ein Jahr vergangen war/
Da war der Kuckuck wieder, –
Sim sa la bim, bam ba, sa la du, sa la dim
Da war der Kuckuck wieder da

Weitere Termine:

FR 08.03.2013 / 20.00h
FR 15.03.2013 / 20.00h
SA 16.03.2013 / 20.00h
SO 17.03.2013 / 20.00h

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