Instant Theater: Faust in the Box

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May 23, 2013 by Julia Ariane Reiter

Denkt man an Goethes Faust, ist einem nicht unbedingt zum Lachen zu Mute. Meistens kommt die Tragödie eher sperrig daher. Der große Stoff verlangt nach großen Inszenierungen, wie zum Beispiel Nicolas Stemann mehr als achts Stunden dauernde Umsetzung von Faust I und Faust II aus dem Jahre 2011 beweist. Ganz anders hingegen ist Bridge Marklands Faust in the Box (UA 2006), der gestern Abend als Gastspiel im Bürgerhaus Stollwerck zu sehen war.
In nur 85 Minuten nimmt die ganze Tragödie ihren Lauf. Und auch die Besetzung wird, wie schon der Untertitel “Ein-Frau-Theater-Stück” verheißt, aufs Minimum reduziert: Markland als Mephisto oder als Gretchen mit gelber Zopfperücke. Und Faust, Gretchen und Frau Marthe sind Handpuppen, die ebenfalls von Markland gespielt werden. Auch die Konsumkritik kommt nicht zu kurz: die Hexen auf dem Blocksberg werden kurzerhand von leichtbekleideten Barbies gemimt.
 Foto: Dirk Holtkamp-Endemann
Der passende Text ist im Vollplayback zu hören und wird zusammen mit Popsongs der letzten 80 Jahre zu einer witzigen und mitreißenden Soundcollage. Arthur Browns Fire dient als Metapher für die Hölle und die Ärzte mit Männer sind Schweine laufen im Hintergrund, wenn Faust Gretchen verführt. Außerdem sind Madonnas Like a Virgin, das wohl keiner Erklärung mehr bedarf, Rammstein, Seeed und noch einige mehr an diesem Abend zu hören. Alle Songs passen inhaltlich zu den jeweiligen Stellen im Originaltext und werden lippensynchron, mit einer gehörigen Portion Ironie und Erotik von der Verwandlungskünstlerin Markland “gesungen”. Überraschend, wieviel Goethe in den musikalischen Mainstream geschwappt ist.
Eine zusätzliche Ebene bekommt das Stück durch Marklands ausdrucksstarke Mimik und Körpersprache, mit der sie den Text und das Verhalten der Puppen kommentiert und die Figuren charakterisiert. Faust ist ein berechenbarer Egoist, Grechtchen verhält sich bemitleidenswert dämlich und überhaupt ist dieses ganze heteronormative “Er liebt sie und sie liebt ihn” sowas von langweilig.
Foto: Dirk Holtkamp-Endemann
Mini Playbackshow meets ganz großes Theater: alle Charaktere werden von Markland im wahrsten Sinne des Wortes performativ hervorgebracht. Schauspielerisch total beeindruckend, fasziniert jeder Rollenwechsel aufs Neue. Selten war ein Faust so lüstern, wie die Fausthandpuppe und selten gebärdete sich ein Mephisto derart diabolisch wie Markland in ihrer schlichten schwarzen Kleidung, mit dem weiß geschminkten Gesicht.

Ein definitiv lohnenswerter Theaterabend für TheaterliebhaberInnen, Fans von Judith Butler und all diejenigen, die einfach nur gut unterhalten werden möchten. Außerdem ist Faust in the Box der gelungene Beweis dafür, dass auch Goethe richtig Spaß machen kann.

Übrigens kann man Marklands Räuber in the Box am 12. und 13. Juni im Rahmen der Penguin`s Days in Moers bewundern.

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